Oberbadisches Volksblatt (15.6.01)   
    
Exkurs in aussergewöhnliche und fremdartige Klangräume
Didgeridoo-Virtuose Matthias Müller in Böhlen-Museum / Publikum feiert den Künstler mit stürmischen Ovationen / Zuhörer auch körperlich vom Spiel berührt


Kandern-Egerten (bn). Das Musikverständnis mitteleuropäischer Konzertbesucher ist bekanntlich zuvorderst auf Tonschöpfungen fixiert, die auf dem klassischen Dreiklang aufbauen. Doch im gegenwärtigen Multi-Kulti-Zeitalter wachsen auch Interesse und Zuneigung für anders geartete Klangformen und Lautmalereien, die unter Begriffen wie "Ethno-" und " Worldmusic" die Szene bereichern und dabei bis ins verträumte Egerten hinter Wollbach vorstossen, wo gelegentlich im dortigen Kunst- und Kulinarik-Refugium "Jägerhaus und Max-Böhlen-Museum" wagemutig in dieser Richtung experimentiert wird.

Dort gastierte der namhafte Schweizer Didgeridoo-Virtuose Matthias Müller vor bemerkenswert viel Publikum, das schlichtweg hingerissen war von diesem Exkurs in die urtümliche, in archaischen Kulten wurzelnde Klangwelt der australischen Urweinwohner, die diese für unsereinen seltsam klingenden Blasrohre (von Termiten ausgehöhlte Aststücke der Eukalyptus-Bäume) angeblich schon vor 50 000 Jahren in vibrierende Tonschwingungen versetzten. Matthias Müller gilt als eine Koryphäe des Didgeridoo-Spiels von internationalem Format. Er "musiziert" natürlich nicht genau so, wie die Aboriginees, sondern kreiert ein selbst entwickeltes reichhaltiges Arsenal von Tonmodulationen, Geräuschen und Rhythmusformen, letztere teilweise auch jazzig inspiriert. Das alles lässt sich nicht als Musizieren im herkömmlichen Sinn definieren, sondern als ein Erschliessen von fremdartigen Klangräumen und Rhythmusbezirken, die sich landläufigen Begriffsbestimmungen entziehen.

Immerhin baute der famose Konzertgeber seinem Publikum insofern eine hilfreiche Eselsbrücke, als er zweimal im Verlaufe seiner spannenden Performance das Didgeridoo mit einem Alphorn vertauschte und dabei vorführte, dass auch das archaische Instrument der mitteleuropäischen Bergwelt gewisse verwandtschaftliche Bezüge zum urtümlichen australischen Holzrohr aufweist.

Im Uebrigen war die Vortragsart des abwechselnd auf vier verschiedenen "Didges" musizierenden jungen Schweizers von der Art, dass die Hörergemeinde intuitiv begreifen konnte, was er ihr erfahrbar zu machen versuchte. Und teilweise wurde sie auch im wahrsten Sinne des Wortes "körperlich" von diesem Spiel berührt, nämlich immer dann, wenn der Interpret sein Instrument zwischen den Zuhörern nach unten und oben oder in rasanten Seitenwechseln über die Köpfen hin und her bewegte.

Da vibrierte es förmlich in Kopf und Körper. Fasziniert und gebannt genoss das Publikum den Eineinhalb-Stunden-Event und feierte den Ausnahme-Künstler nach jeder Darbietung mit stürmischen Ovationen, bevor es dann im benachbarten Restaurant "Jägerhaus" von Küchenchef Christoph Wermuth und dessen Frau Tiffany Wermuth-Buckinham (einer gebürtigen Neuseeländerin) zu einem australischen Mehrgang-Menü gebeten wurde
 

Oberbadisches Volksblatt, 15.6.01