Eintauchen in sonore Klangwelten: Zur Musik von Matthias Müller & Thomas Clements

 

Am Abend des 31.Oktobers 2008 war die Elisabethenkirche in Basel Schauplatz einem überaus beeindruckenden Auftritt: Matthias Müller (Didgeridoo) und Thomas Clements (Stimme, Percussions) gaben seit 7 Jahren wieder ein gemeinsames Konzert in der Stadt und führten die zahlreich erschienenen Zuhörer mit ihrer Musik in ein eigenes, sehr spezielles Klanguniversum ein. Vor zehn Jahren haben sich die beiden Musiker kennengelernt und sind seither bereits an verschiedenen Orten unter dem Namen Tribe of Sound aufgetreten. Die jahrelange intensive und konsequente Beschäftigung mit einer sehr ursprünglichen Musik und ihrem authentischen kulturellen Umfeld, weit jenseits oberflächlicher touristischer und in unseren Breitengraden oftmals rein kommerzieller Interessen, kennzeichnet den Werdegang beider Musiker. Während sich der in Basel wohnhafte Matthias Müller vorwiegend mit der Kultur der australischen Ureinwohner der Aboriginees und deren ritueller Musik des Didgeridoos auseinandersetzt, hat sich der in Barcelona lebende Deutsch-Brite und ausgebildete Musikpädagoge Thomas Clements auf altindische Musik und Kopfstimme fokussiert. Ihre profunde Kenntnis, ihr tiefes Verständnis und ihr Respekt gegenüber diesen Kulturen drücken sich in einer für den Hörer unmittelbar erlebbaren Intensität der musikalischen Darbietung aus.

Fotos: Marc Gilgen

Harmonie und Symbiose

So verschieden die individuelle Auseinandersetzung und die Interessen von Matthias Müller und Thomas Clements mit der jeweiligen Musik auch sein mögen, so überzeugend sind sie in der Lage, aus dem musikalischen Rohstoff ein subtil gesponnenes Gewebe zu erschaffen, welches die Sinne der Zuhörer tief in ihren Bann zieht. Das dichte Zusammenspiel kommt gerade in den gemeinsam vorgetragenen Stücken zur vollsten Entfaltung, wo beide mit hoher Sensibilität auf den Ausdruck und die Stimmung des Anderen eingehen müssen, soll die musikalische Balance gewahrt bleiben. Gewiss, es gibt Momente, in denen die Klänge des einen gegenüber dem anderen überwiegen, zu keinem Zeitpunkt aber kippt die Darbietung in ein Ungleichgewicht. Vielmehr nimmt man diese Stücke als eine gehörte und empfundene Einheit wahr. Im permanenten wechselseitigen An- und Abschwellen der Klang- und Rhythmusabfolgen sowohl der Didgeridoos als auch der verschiedenen Percussion-Elemente wie der Stimme entsteht eine Symbiose, die nicht nur einen harmonischen Zusammenhalt erzeugt, sondern auch eine hochgradig energetische Stimmung freisetzt, die sich direkt auf die Zuhörer überträgt.

Wechselseitige Energie

Diese ungemein positive und unmittelbare Energieübertragung, die sich beim konzentrierten Hören von Musik einstellen kann, ist wohl einer der faszinierendsten Aspekte dieses Mediums. Dabei muss die Struktur der Komposition gar nicht ausgesprochen kompliziert sein oder gleich ein ganzes Orchester involvieren. Das beweisen Matthias Müller und Thomas Clements mit ihrer spärlich anmutenden Instrumentierung auf eindrückliche Weise. Die Einfachheit der Instrumente scheint im völligen Gegensatz zur enormen Vielfalt der Klänge zu stehen, die die beiden Musiker diesen entlocken. Und es erweist sich, dass auch ihre jeweiligen Solobeiträge der Intensität des Energieflusses und der Klangfülle keinen Abbruch tun. Die Art und Weise wie Matthias Müller das Didgeridoo handhabt, macht den Hörer sprachlos staunend. Das richtige Spielen eines Didgeridoos erfordert eine physisch ausgesprochen anstrengende und nicht einfach zu erlernende Atemtechnik, die Matthias Müller auf stupende Weise perfekt beherrscht und die es ihm erlaubt, Klangvariationen und Tempiwechsel scheinbar mühelos vorzutragen. Er kreiert ein überaus facettenreiches Wechselspiel von kraftvoll-dominanten und fragil-subtilen Tönen, die sich zu dynamisch-sonoren Klangschichten aufbauen und verdichten. Thomas Clements steht den technischen und musikalischen Qualitäten seines Partners in nichts nach. Fasziniert folgt man seiner meditativ und verinnerlicht – nicht esoterisch – wirkenden Kopfstimme, die nie wirklich greifbar wird und beständig in einem Bereich des Dazwischen zu oszillieren scheint. Immer wieder ist man von neuem überrascht, welch unterschiedlichen Klänge er mit seinem Organ freisetzen kann. Sein physisch ungemein anstrengendes und eine hohe Konzentration erforderndes Singen begleitet Thomas Clements mit verschiedenen Percussion-Instrumenten. Die Rhythmen wählt er mit grossem Feingespür, um diese zwar bestimmend neben seine Stimme zu setzen, ohne aber die Rhythmen dominant in den Vordergrund zu rücken.

Physischer Nachhall

In den gemeinsamen wie den Solostücken gelingt es Matthias Müller und Thomas Clements auf beeindruckende Weise, mit ihrer sonoren und atmosphärisch dichten Musik dem Hörer eine archaische Welt voller Assoziationen zu entfalten, die der Hörer ganz individuell besetzen kann. Es ist eine Musik, die von beiden tief empfunden, gelebt wird und in ihrem Innern, in ihren Körpern entsteht und nach aussen dringt. Einem konzentrierten Hörer bleibt dieser Umstand nicht verborgen, es zeigt sich auch visuell in der Gebärdensprache und Mimik der beiden Musiker sehr deutlich. Der intensive energetische Dialog, der zwischen beiden entsteht, überträgt sich durch die in die Welt hinausgeschickten Klänge auf den Zuhörer. So wird das Erlebnis psychisch wie physisch umso intensiver empfunden, man taucht ein in diesen Fluss, strömt mit und wird von der positiven Kraft dieser Musik erfüllt und bereichert. So hallt diese Musik noch lange im Hörer nach, auch wenn ihre Klänge sich längst im Raum verflüchtigt haben. Es bleibt zu hoffen, dass den gemeinsamen erfolgreichen Konzerten bald ein gemeinsamer Tonträger folgt, damit so die Möglichkeit geboten wird, öfters diese faszinierenden Klangwelten in sich aufnehmen zu können.


Invar-Torre Hollaus, Basel, im November 2008

Fotos: Marc Gilgen

Invar Torre Hollaus, 11.08